Die Covid-19-Pandemie trifft die verletzlichsten Menschen am stärksten. Zu ihnen gehören weltweit fast 80 Millionen Vertriebene, Geflüchtete, Asylsuchende, Binnenvertriebene und Wanderarbeiter*innen.
Viele dieser Männer, Frauen und Kinder leben in offiziellen oder inoffiziellen Camps, in Aufnahme- oder Internierungszentren. Wieder andere leben auf der Strasse. Die meisten haben keinen Zugang zu grundlegender Versorgung wie sauberem Wasser oder sanitären Einrichtungen und nur unzureichenden Zugang zu Gesundheitsversorgung. Auch beim Anstehen für Wasser und Lebensmittel besteht erhöhte Ansteckungsgefahr.
Wie sollen Menschen sich schützen, wenn sie kaum Wasser und Seife haben? Wie sollen sie sich in Selbstisolation begeben, wenn sie in überfüllten Zeltlagern mit 10 anderen Menschen auf wenigen Quadratmetern zusammenwohnen?
«In einigen Bereichen des Lagers Moria auf Lesbos gibt es nur eine Wasserzapfstelle für 1300 Bewohner, und Seife ist nicht erhältlich», sagt Hilde Vochten, medizinische Koordinatorin der MSF-Projekte in Griechenland. «Fünf- oder sechsköpfige Familien müssen auf einer Fläche von nur 3 Quadratmetern schlafen. Für sie ist es schlicht unmöglich, die empfohlenen Massnahmen zu befolgen, sich regelmässig die Hände zu waschen und Distanz zu halten.»
Oft leben vertriebene Menschen in grosser Unsicherheit. Sie sind Verhaftungen und Misshandlungen ausgesetzt und werden aufgrund zunehmender Fremdenfeindlichkeit oft als «Krankheitsüberträger» stigmatisiert. Sie haben nur begrenzten Zugang zu verlässlichen Informationen und sind manchmal komplett von humanitärer Hilfe abhängig. Vielerorts ist solche Hilfe nur begrenzt vorhanden.
Die Pandemie wird ausserdem in vielen Ländern als Ausrede benutzt, um Geflüchtete und alle, die ihnen helfen möchten, zu ahnden. Mindestens 167 Staaten haben ihre Grenzen komplett oder teilweise geschlossen, um die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen – 57 davon machen auch für Asylsuchende keine Ausnahme.
Menschen auf der Suche nach Sicherheit und Unterkünften werden weggeschickt – und oft in die Länder zurückgebracht, in denen sie ernste Bedrohungen für ihr Leben oder ihre Freiheit fürchten müssen. Viele Staaten verweigern Asylsuchenden auch absichtlich die Einreise oder verhindern den Zugang indirekt.
Mohammed aus Mali ist nach Libyen geflüchtet. Er arbeitet als Hilfsarbeiter für die Stadtverwaltung, doch der Lohn reicht nicht aus. Nebenbei sammelt er daher in der Nähe des Stadteingangs Altmetalle, um Geld dazu zu verdienen - für 0.64 Euro pro 1kg. Was er auch sucht, ist Hoffnung.
Laia ist 13. Sie ist mit ihrer Mutter und ihrer Schwester 2018 vor dem Krieg in Darfur im Westsudan geflüchtet. Die drei leben in einem nicht fertiggestellten Haus in einem Vorort von Tripoli. Als sie in Libyen ankamen, wurden sie von Milizen an einem klandestinen Ort festgehalten. Durch eine Lösegeldzahlung kamen sie frei. Die Familie kann zurzeit nur dank der Hilfe von Freunden überleben. Die Mutter lebt in ständiger Sorge um die Sicherheit ihrer Töchter, da Entführungen zwecks Lösegelderpressung keine Seltenheit sind.
Zwischen 700 000 und einer Million MigrantInnen leben derzeit in Libyen unter schrecklichen Lebensbedingungen. Sie sind der ständigen Gefahr ausgesetzt, willkürlich eingesperrt, gefoltert oder getötet zu werden. Rund 1500 Geflüchtete werden in offiziellen Internierungslagern gegen ihren Willen festgehalten.
1. Wir müssen sicherstellen, dass Covid-19 nicht als Ausrede für tödliche Migrationskontrollmassnahmen verwendet wird.
2. Wir müssen gewährleisten, dass die Menschenrechte eingehalten werden. So müssen die Regierungen den Menschen weiterhin ermöglichen, rechtliche Verfahren einzuleiten und Asyl zu beantragen.
3. Besonders gefährdete Vertriebene sollten wann immer möglich evakuiert werden. Ärzte ohne Grenzen ruft dringend dazu auf, die Menschen in den Hotspots auf den griechischen Inseln zu evakuieren. Insbesondere müssen jene Menschen, die am stärksten gefährdet sind (Menschen über 60 und jene mit Atemwegserkrankungen, Diabetes oder anderen gesundheitlichen Komplikationen) sofort an sichere Orte gebracht werden. Auch fordern wir die internationale Gemeinschaft und die europäischen Regierungen auf, in Libyen humanitäre Evakuierungskorridore für Geflüchtete, die lebensbedrohlichen Risiken ausgesetzt sind, zu schaffen.
4. Wir müssen allen Menschen den Zugang zu Gesundheitsversorgung ermöglichen. Covid-19 und die damit zusammenhängenden Grenzschliessungen dürfen nicht dazu führen, dass dringend benötigtes medizinisches und humanitäres Material an den Grenzen blockiert wird, auch muss der Zugang zu Gesundheitsversorgung auch in Camps und Internierungslagern sichergestellt werden.
Auf der Suche nach einem Leben in Sicherheit und Würde fliehen Menschen vor Kriegen, Gewalt und Hungersnöten. Wir leisten seit mehr als 40 Jahren medizinische humanitäre Hilfe an den unterschiedlichen Stationen ihres Weges, vom Herkunftsland bis zur letzten Etappe ihrer Suche nach Sicherheit.
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